7. Forum Liberal mit Marianne Birthler
..2. September 2010 
Marianne Birthler und Daniel Bahr Auf Einladung von Daniel Bahr kam Marianne Birthler als Gast zum bereits siebten Mal stattfindenden Forum Liberal nach Münster.
Für die Zuhörer war es eine fesselnde und bewegende Geschichtsstunde, als Birthler über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen als Bundesbeauftragte und Chefin der Behörde für die Unterlagen des Staatssicherdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) berichtete.
Einen Hauch von Ahnung über die mitunter Sisyphus-Arbeit der Behörde vermittelten die Zahlen, die Frau Birthler nannte: 1,7 Millionen Anträge auf Akteneinsicht ("1,7 Millionen Anträge gegen das Schweigen"); jährlich 100.000 neue Anträge; 175 Kilometer Stasi Akten, würde man sie der Länge nach hintereinander aufreihen, "die weltweit größte Sammlung an Lebensläufen", so Marianne Birthler; 15.000 Säcke mit zerrissenen Akten von oftmals hoher Bedeutung, davon erst 400 Wiederhergestellte.
Unter die Haut ging Marianne Birthlers Schilderung über die perfide, diabolische Vorgehensweise der Stasi mit dem Ziel der "Zersetzung des Menschen", ein Thema über das in der DDR sogar Diplomarbeiten und Promotionen angefertigt wurden. Von falschen Diagnosen beim Arzt, plötzlichen beruflichen Misserfolgen, über vertauschte Handtücher: Birthler erzählte die Geschichte einer Frau, bei der alles seine ordentlichste Ordnung hatte. Eines Tages waren immer und immer wieder 2 Handtücher vertauscht. Da wusste die Frau "Die Staatsicherheit ist da". Aber wem sollte sie das erzählen? Wer würde ihr glauben, als einzigen Beweis die vertauschten Handtücher im Bad? Und selbst wenn man ihr glauben würde, was würde es nützen? Wie wirksam, ja professionell, die Stasi arbeitete zeigte Birthler anhand eine Frage an die gebannten Zuhörer, wieviel Prozent der 17 Millionen DDR-Bürger 1989 für die Stasi gearbeitet hätten. Die Schätzungen gingen von 15, 30, 50 gar bis zu 85 Prozent. Tatsächlich waren es nur 2 Prozent der Bevölkerung, "aber das Gefühl der überwältigenden Präsenz gehörte zum einschüchternden Programm". Sie unterstrich jedoch, dass niemand für die Stasi arbeiten musste: "Es galt sogar als unanständig in der DDR, das zu tun!"
Auf die Frage nach der Legitimation der Behörde, 20 Jahre nach deren nicht umumstrittener Einrichtung, erinnerte Marianne Birthler daran, dass viele Stasi-Opfer erst nach Jahrzehnten in der Lage seien, einen Antrag zu stellen. Die Akten würden nicht nur dazu beitragen, Gewissheit zu verschaffen, sondern auch Misstrauen stillen, Unschuld beweisen und Menschen vor falschem Verdacht schützen.
Daniel Bahr fragte Frau Birthler nach der oft geführten Diskussion, ob man die DDR als Unrechtsstaat bezeichnen kann. "Mit gesunden Menschenverstand erklärt sich das von alleine", so Birthler.
Westfälische Nachrichten, 03.09.2010: "Keiner musste mitmachen"
Münstersche Zeitung, 03.09.2010: Auch nach 20 Jahren noch große Nachfrage


